Bis dass der Tod uns scheidet
Warum ein Eheversprechen für mich nicht mit einer Trennung endet.
Vor ein paar Wochen hat meine Cousine geheiratet. Ich war bei der standesamtlichen Trauung dabei und gestern hat sie mir die Bilder ihrer Hochzeit geschickt. Und wie das manchmal so ist, wenn man Bilder von einer Hochzeit sieht, denkt man automatisch an seine eigene zurück. Meine Hochzeit ist mittlerweile zwölf Jahre her. Und ich erinnere mich noch so gut daran, als wäre es gestern gewesen. Wir hatten eine unglaublich schöne Hochzeit. Eine riesige Feier, mit allem, was dazugehört. Fotograf, Videograf, persönliche Ehegelübde, eine grosse Party, Feuerwerk. Wir haben es so richtig krachen lassen. Unsere Freunde schwärmen teilweise bis heute von unserer Hochzeit und sagen, dass es eine der schönsten Hochzeiten war, auf denen sie jemals gewesen sind. Und für mich war es nicht einfach nur eine schöne Feier. Unsere Hochzeit hat genau das repräsentiert, was wir damals füreinander empfunden haben. Diese tiefe Liebe, diese unglaubliche Verbundenheit, dieses feste Band zwischen uns. Wir waren glücklich. Wir waren verliebt. Wir wollten unser Leben miteinander verbringen. Und wir haben uns das Versprechen gegeben, füreinander da zu sein. In guten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod uns scheidet.
Heute, zwölf Jahre später, sind wir getrennt. Und auch wenn ich weiss, dass diese Trennung für mich ein richtiger und wichtiger Schritt war, blicke ich mit unglaublich viel Liebe, Dankbarkeit und auch Demut auf unsere gemeinsame Zeit zurück. Auf das Leben, das wir uns aufgebaut haben. Auf unsere Kinder. Auf all die schönen Momente, die wir miteinander erlebt haben. Und davon gab es unglaublich viele. Wir hatten eine sehr harmonische Beziehung. Wir haben uns kaum gestritten, hatten wenige Konflikte, viele Gemeinsamkeiten und waren immer füreinander da. Wir haben so viel miteinander erlebt, gelacht, gefeiert, sind gereist, haben eine Familie gegründet und uns ein gemeinsames Leben aufgebaut. Und vielleicht ist mir die Entscheidung, mich zu trennen, gerade deshalb so schwergefallen. Weil es nicht diese eine grosse Verletzung/Streit/Knall gab, in dem plötzlich alles vorbei war. Sondern weil ich irgendwann festgestellt habe, dass ich mich verändert habe. Und dass ich mir unsere gemeinsame Zukunft als Paar, so wie wir heute sind, einfach nicht mehr vorstellen konnte. Eine wunderschöne Vergangenheit ist eben keine Garantie dafür, dass wir auch unsere Zukunft miteinander verbringen möchten. Und nur weil ein Mensch ein wunderbarer Mensch ist, bedeutet das nicht automatisch, dass wir für immer als Paar zusammenbleiben müssen. Ich liebe und schätze meinen Mann als Menschen. Ich bin ihm aus tiefstem Herzen dankbar für alles, was wir miteinander erlebt und aufgebaut haben. Und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass wir auch in Zukunft miteinander verbunden bleiben. Dass wir Freunde bleiben. Dass wir eine Familie bleiben. Auch wenn wir kein Paar mehr sind.
Und genau darüber habe ich nachgedacht, als ich gestern die Hochzeitsbilder meiner Cousine angeschaut habe. Über die Ehe. Über die Liebe. Und vor allem über dieses Versprechen, das wir uns an unserem Hochzeitstag geben: Bis dass der Tod uns scheidet. Was bedeutet das eigentlich? Wenn wir heiraten, tun wir das meistens aus einem Zustand der Liebe, der Zuversicht und der Fülle heraus. Wir sind verliebt, glücklich und können uns nichts Schöneres vorstellen, als unser Leben mit diesem einen Menschen zu verbringen. Und natürlich glauben wir in diesem Moment daran, dass diese Liebe für immer halten wird. Wir denken nicht darüber nach, dass wir uns vielleicht in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren verändern könnten. Dass wir irgendwann andere Bedürfnisse haben werden. Dass wir uns vielleicht in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Oder dass wir eines Tages feststellen könnten, dass wir zwar noch immer Liebe füreinander empfinden, aber nicht mehr als Paar zusammenleben möchten.
Aber heute frage ich mich: Warum gehen wir eigentlich davon aus, dass dieses Versprechen automatisch bedeutet, für immer ein Liebespaar bleiben zu müssen? Warum beziehen wir dieses "Bis dass der Tod uns scheidet" ausschliesslich auf die Partnerschaft? Auf das gemeinsame Wohnen, die Intimität, die romantische Beziehung? Warum kann es nicht auch etwas anderes bedeuten? Warum kann es nicht bedeuten: Ich werde für dich da sein. Für immer. Du wirst ein Teil meines Lebens bleiben. Wir werden miteinander verbunden bleiben, auch wenn sich unser Leben verändert. Warum muss eine Trennung automatisch bedeuten, dass wir unser Eheversprechen gebrochen haben?
Ich möchte heute einfach einen anderen Blickwinkel darauf werfen. Denn für mich bedeutet Liebe nicht, dass mir ein Mensch für immer gehört. Liebe bedeutet für mich auch nicht, dass ich einen Menschen an mich binden muss, nur weil wir uns irgendwann einmal versprochen haben, unser Leben miteinander zu verbringen. Wahre Liebe bedeutet, loslassen zu können. Einen Menschen seinen eigenen Weg gehen zu lassen. Zu akzeptieren, dass er sich verändert. Und genau das ist für mich eine Form von Liebe, die über die klassische Vorstellung von Partnerschaft hinausgeht. Denn warum sollte unsere Verbundenheit plötzlich verschwinden, nur weil unsere romantische Beziehung endet? Wir haben zwölf Jahre Ehe miteinander geteilt. Wir haben zwei Kinder. Wir haben ein gemeinsames Leben aufgebaut, Erinnerungen geschaffen, Höhen und Tiefen erlebt. Wir kennen einander auf eine Weise, wie uns vielleicht nur wenige andere Menschen kennen. All das verschwindet doch nicht einfach mit einer Trennung. Ich möchte für meinen Mann da sein. Auch in Zukunft. Wenn er Unterstützung braucht, wenn er jemanden zum Reden braucht, wenn er praktische Hilfe braucht oder wenn er einfach einen Freund braucht. Ich möchte, dass er weiss, dass er sich auf mich verlassen kann. Weil ich ihn liebe. Weil er ein wichtiger Mensch in meinem Leben ist und bleiben wird. Und weil ich ihm vor zwölf Jahren genau dieses Versprechen gegeben habe. Für dich da zu sein. In guten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod uns scheidet. Und ich möchte dieses Versprechen nicht brechen. Ich möchte es auf eine andere Weise weiterleben. Ich wünsche mir, dass dieses Band zwischen uns bestehen bleibt. Dass wir wissen: Egal, welchen Weg du gehst, ich wünsche dir von Herzen alles Gute. Und wenn du mich brauchst, bin ich da.
Ich glaube, genau das ist die schönste Form von Liebe. Eine Liebe, die nicht festhalten muss, um bestehen zu dürfen.




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